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Der Wenige-Worte-Mann
Artikel vom 02.07.2010 aus Deutsche Welle Online:
Florian Meimbach schreibt ganz kurze Geschichten. Maximal 140 Zeichen. Er twittert nämlich seine winzigen Erzählungen, die "Tiny Tales". Dafür wurde er am 30. Juni mit einem Grimme Online Award ausgezeichnet.
Fassen Sie sich kurz! Florian Meimberg kann das bestens. Der 35 Jahre alte Werbefachmann aus Düsseldorf verbreitet seit zehn Monaten regelmäßig winzige Geschichten über den Microblog-Dienst Twitter und erreicht damit über 8000 regelmäßige Leser - sogenannte Follower.
Er sah Kevin-Prince Boateng fest in die Augen. "OK, abgemacht. Aber nur den Knöchel!" Ballack seufzte. Verdammte Flugangst ...(20. Mai 2010)
Florian Meimberg ist 35 Jahre alt und sieht aus wie ein lieber Kerl, wie der nette Nachbar von Nebenan. Von sich selbst behauptet er allerdings, er sei gar nicht so lieb. Und in seinen "Tiny Tales" steckt auch durchaus eine großzügige Prise schwarzer Humor.
Grunzend fielen die Eber über den Futtertrog her. Landwirt Ulf strahlte. Endlich konnte er die Bewerbung schreiben. Für "Bauer sucht Frau". (15. Januar 2010)
Schon mehr als einmal hat der Kurzgeschichten-Twitterer die Welt zerstört, böse Aliens anrücken lassen oder die Bibel einfach umgeschrieben. Meimberg sagt: "Ich bin gerne böse", und scheut dabei weder vor derben Sarkasmus oder tiefer Ironie zurück. Denn er will unterhalten. Und manchmal muss dann eben sogar Gott daran glauben.
"War das wirklich ich", fragte Gott. Und der Kater hämmerte in seinem Kopf. "Allerdings!", grinste der Teufel, "Es dauerte sechs Tage." (11. Oktober 2009)
Einmal habe er den Bogen überspannt. Ein Einzelfall, wie er beteuert. Nachdem er eine "Tiny Tale" fertig gestellt hatte, erinnert sich Meimberg, sei er mit sehr viel negativem Feedback überschüttet worden. Nach dem Motto: "Das kannst Du nicht bringen, das ist zu hart, das ist zu krass." Um den Unmut seiner Follower noch größer werden zu lassen, hat er die umstrittene "Tiny Tale" wieder gelöscht.
Meimberg gestaltet seine Geschichten subtil. Die "Tiny Tales" brauchen Zeit, um zu wirken und das ist so gewollt. Die Geschichten sind zwar in sich geschlossen, letztendlich nimmt jeder Leser sie aber anders wahr. Die Micro-Geschichten funktionieren nach einem einfachen Prinzip: Jede ist wie eine Luke, die kurz auf geht. Der Leser steckt seinen Kopf durch die Luke und sieht eine riesige Geschichte. Dann geht die Luke wieder zu. "Der Leser hat sich gerade lange genug umgeguckt, um die Geschichte zu erfassen und dann nachwirken zu lassen, im Kopf für sich zu deuten oder weiter zu spinnen", beschreibt es Meimberg.
Er schwebte auf das Leuchten zu. Es stimmte: der Tunnel. Das helle Licht. Nun war es also vorbei. Eine Stimme ertönte. "Es ist ein Junge!" (27. Mai 2010)
Die Follower können die "Tiny Tales" auch mit gestalten, indem sie Stichwörter schicken, die Meimberg in seinen Erzählungen verwendet. Inhaltlich will er sich aber treu bleiben, obwohl ihm seine Follower immer wieder sagen, er solle mal was mit Happy End schreiben. "Klar, kann ich auch mal machen. Es macht aber nicht so viel Spaß", grinst er. "Tiny Tales" können bald auch diejenigen genießen, die kein Interesse an Twitter haben. Die winzigen Erzählungen sollen demnächst auf Papier erscheinen. Als kleines Büchlein. Schließlich sind es "Tiny Tales".
Autoren: Chi Viet Giang/Marlis Schaum; Redaktion: Marlis Schaum.
http://www.dw-world.de/dw/article/0,,5755923,00.html
Artikel vom 06.07.2010 aus Deutsche Welle Online:
Fleisch und Kartoffeln - wenn man dem Vorurteil glauben will, besteht deutsches Essen exakt aus diesen Zutaten. Alles mit Bier heruntergespült - köstlich! Tatsächlich hat Deutschland kulinarisch viel mehr zu bieten.
Deutschland zählt ohne Frage zu den Ländern, in denen die meisten Kartoffeln verzehrt werden. Und die Tradition der deutschen Küche besagt, dass viel Fleisch, dunkle Soßen und Kartoffeln ein richtiges Mahl ausmachen. Kurzum: Wer die deftige Küche mag, wird sich in Deutschland wohl fühlen. Ob Braten, Eisbein oder Schweinshaxe - diese durchaus fetthaltigen Spezialitäten gehören zur so genannten bürgerlichen Küche in einem deutschen Gasthof.
Sauerbraten, Labskaus und Weißwürste - regionale Küche.
Es gibt allerdings keine einheitliche deutsche Küche, denn jede Region hat ihre eigenen Spezialitäten. Eine rheinländische Besonderheit ist Sauerbraten, also sauer eingelegtes Rindfleisch, traditionell vom Pferd. In Norddeutschland isst man Labskaus, eine Mischung aus Corned Beef, Kartoffeln, Matjes, Rote Bete und Zwiebeln, garniert mit einem Spiegelei.
In Niedersachsen isst man Grünkohl mit Pinkel, eine spezielle Wurst. Thüringen dagegen ist bekannt für seine Klöße und für seine Thüringer Rostbratwurst. Und in Bayern gibt es die so genannte Weißwurst. Die isst man traditionell nicht nach elf Uhr vormittags und darf sie keinesfalls in Stücke schneiden, sondern muss sie aus dem umhüllenden Darm "zuzzeln". Und das sind nur die bekanntesten regionalen Spezialitäten, es gibt zahllose Varianten und unbekannte Gaumenfreuden.
Zehn Minuten hat sie jeweils Zeit, sich den Arbeitgebern vorzustellen, ihnen zu erklären, was sie kann und was sie möchte. Das ist die Regel beim Job-Speed-Dating: Ein Gong ertönt jeweils am Anfang und am Ende der Gesprächsrunde, auf einer Leinwand am Ende des Saals ist zusätzlich eine große Uhr abgebildet.
Multi-Kulti-Küche und neue Trends
Doch auch die Speisezettel der Einwanderer prägen mittlerweile die deutsche Küche oder ergänzen sie. Schließlich leben in Deutschland über sieben Millionen Ausländer. Alles begann mit dem Italiener an der Ecke, bei dem der Deutsche lernte, was Pizza und Spaghetti sind. Mittlerweile gibt es neben den Döner- und Gyros-Imbissbuden zahlreiche ausländische Restaurants - von asiatisch bis lateinamerikanisch ist alles dabei. Manchmal vermischen sich die Kochrichtungen und es entstehen Gerichte wie Kartoffel-Curry-Klöße mit Schnitzel oder Ingwer-Bohneneintopf.
Reinheitsgebot für deutsches Bier
Bier ist immer noch das Lieblingsgetränk der Deutschen - kein Wunder, denn es gibt hier zu Lande über tausend Sorten. Bier brauen hat in Deutschland Tradition: Am 23. April 1516, dem Tag des deutschen Bieres, wurde das Reinheitsgebot proklamiert. Es ist das älteste Lebensmittelgesetz der Welt.
Wein für die notorischen Biertrinker
Deutschland ist auch für seinen Weinanbau bekannt. In Deutschland gibt es eine Vielzahl an Weinbauregionen. Vorrangig kommt der deutsche Wein aus den Regionen an Rhein, Main, Mosel, Saale und Elbe. Bekannte deutsche Weinsorten sind Weißweine wie Riesling, Silvaner und Müller-Thurgau und Rotweine wie Dornfelder oder Spätburgunder. Diese Weine genießen auch im Ausland ein hohes Ansehen.
Autorin; Sonila Sand
http://www.dw-world.de/dw/article/0,,3275661,00.html
Artikel vom 25.06.2010 aus Deutsche Welle Online:
Literatur
Deutsche Literaturhäuser machen Schule
Das Literaturhaus ist ein Ort, an dem die Lesung gepflegt wird. Aber nicht nur das. Seit der ersten Gründung in Berlin im Jahr 1986, haben sich Literaturhäuser zu Begegnungsstätten rund um die Literatur entwickelt.
Was? Wo findet die Veranstaltung statt? Ausländische Autoren sind oft verblüfft, wenn sie zum ersten Mal von den Literaturhäusern hören. So etwas kennen sie nicht, sagt Rainer Moritz, Programmleiter des Hamburger Literaturhauses: "Das hat ein bisschen damit zu tun, dass es auch eine sehr deutsche Tradition ist, dass Menschen sich in einen Saal setzen und sich eine Dreiviertelstunde einen Text vorlesen lassen."
Autorenlesungen werden meist von Buchhandlungen organisiert und dienen vor allem der Werbung und dem Absatz der Bücher. Literaturhäuser hingegen wollen mehr sein als "Abspielstationen für die Werbereisen von Autoren", erklärt Rainer Moritz. Sie setzen eigene Programmschwerpunkte und bieten darüberhinaus auch Diskussionen zu historischen, politischen und philosophischen Fragestellungen an.
Begegnungsorte
Im Mittelpunkt der Veranstaltungen steht die Begegnung mit den Texten und den Autoren, und das Publikum ist eingeladen, sich daran zu beteiligen. So haben sich die Literaturhäuser in den vergangen 20 Jahren zu lebendigen Zentren im deutschsprachigen Raum entwickelt, die das Angebot an kulturellen Einrichtungen ergänzen. Viele in- und ausländische Autoren bekommen dort ein Forum, das sonst nicht finden würden.
Finanziell stehen die Literaturhäuser auf mehreren Beinen. Das fördert die Unabhängigkeit. Sie werden von Vereinen und Stiftungen getragen, von Sponsoren und Spendern gefördert, erzielen Erlöse aus der Vermietung ihrer Räume und bekommen öffentliche Mittel. Zum Teil allerdings nur in bescheidener Höhe.
Jenseits des Mainstream
Die Programme basieren nicht nur auf den bekannten oder gar bestsellerträchtigen Namen. Die Literaturhäuser setzen auf die Vielfalt der Literatur und der Literaturformen und verstehen sich als Korrektiv und Ergänzung zum Mainstream, betont Rainer Moritz. Das schließt das Risiko ein, dass eine Veranstaltung vielleicht nur von 30 bis 40 Personen besucht wird. Doch je besser die Häuser in das Kulturleben der Städte integriert sind und je intensiver die Zusammenarbeit mit den Medien, umso offener ist auch das Publikum.
Vernetzung
Mehr als 30 Literaturhäuser gibt es inzwischen im deutschsprachigen Raum. Die genaue Zahl kennt niemand, denn viele dieser Häuser sind klein und können nur wenige Veranstaltungen anbieten. Elf große Häuser haben sich vernetzt und einen Verein gegründet: literaturhaus.net. Darunter Hamburg, Frankfurt am Main, München, Zürich und Salzburg. Literaturhaus.net organisiert gemeinsame Veranstaltungen. Zum Beispiel das bilaterale Austauschprogramm "Stadtschreiber im internationalen Kontext", das mit der Türkei, Indien und dem nahen Osten stattgefunden hat.
Der Verein lobt seit 2002 auch einen Preis aus, der mit einer Lesereise durch alle elf Literaturhäuser verbunden ist. Zu den Preisträgern gehören Sibylle Lewitscharoff, Michael Lentz und Ilija Trojanow.
Vom Namen zur Marke
Der Erfolg der Literaturhäuser hat sich längst auch im Ausland herumgesprochen und dort bereits erste Früchte getragen. In Prag zum Beispiel, wo es ein Literaturhaus für deutschsprachige Literatur gibt, und in Oslo. Über die originellste Neugründung verfügen die Dänen in Kopenhagen. "Literaturhaus" heißt es dort - nicht etwas auf Dänisch, sondern auf Deutsch. Das zeige, dass sich das Literaturhaus in den vergangenen 20 Jahren zur Marke entwickelt hat, so Rainer Moritz.
Auch der Duden, so meint er augenzwinkernd, habe auf seine Initiative hin die Zeichen der Zeit erkannt und das Wort in seinen Bestand aufgenommen. Neben dem Tollhaus, Baumhaus und Freudenhaus kann man dort jetzt auch das Literaturhaus nachschlagen.
Autorin: Heide Soltau, Redaktion: Gabriela Schaaf
Link: http://www.dw-world.de/dw/article/0,,5730783,00.html
Artikel vom 22.06.2010 in FAZ Online:
Internet
Innenminister fordert "digitalen Radiergummi"
Thomas de Maizière hat in einer Grundsatzrede skizziert, wie er sich eine deutsche "Netzpolitik" vorstellt. Dem Internet müsse in bestimmten Bereichen das Vergessen beigebracht werden. Zudem müsse für das Netz etwas Ähnliches wie der presserechtliche Anspruch auf Gegendarstellung geschaffen werden.
Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat sich für eine zurückhaltende Rolle des Staates bei der Ausgestaltung des Internets ausgesprochen. Eine deutsche "Netzpolitik" müsse sich an Werten wie Freiheit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung orientieren. "Dazu gehört auch die Freiheit, Dummheiten zu begehen", sagte der CDU-Politiker am Dienstag in einer Grundsatzrede in Berlin. Gewährleistet werden müsse aber, dass andere durch Aktivitäten im Internet nicht zu Schaden kämen. Der Staat müsse dazu in erster Linie zivilrechtliche Regeln schaffen und das Gebot der Rücksichtnahme stärken, um in Konfliktfällen für einen Interessenausgleich zu sorgen.
Um die Selbstbestimmung zu stärken, bräuchten die Nutzer etwa mehr Verfügungsgewalt über die eigenen Daten, forderte de Maizière. So solle das Auskunfts- und des Widerspruchsrecht im Internet gestärkt werden. Damit Klatsch und Tratsch im Netz nicht ewig erhalten blieben, sei auch ein "Recht auf Vergessen" denkbar oder ein Verbot, bestimmte Inhalte durch Suchmaschinen indexieren zu lassen. Ziel wäre ein digitaler Radiergummi und ein "Verfallsdatum, das ich an meine Daten anbringen kann", sagte er in Berlin. Es müsse zudem einen Anspruch auf die Löschung anonymer Schmähungen beim Provider geben.
Staatliche Zulassung für "gefahrgeneigte Angebote"
Womöglich müsse für das Internet zudem etwas Ähnliches wie der presserechtliche Anspruch auf Gegendarstellung geschaffen werden: "Man könnte dies mit einem Anspruch des Betroffenen gegenüber Betreibern von Suchmaschinen verbinden, die eigene Darstellung auf Platz eins einer Trefferliste zu setzen." Zudem brauche der Einzelne eine echte Verfügungsmacht über seinen "virtuellen Hausrat". Er müsse etwa seine Daten in einem sozialen Netzwerk mitnehmen können, wenn er einen Anbieter wechselt.
Zudem sprach sich der Innenminister für staatliche Zulassungen für "gefahrgeneigte Angebote" aus. Dazu zählte er internetbasierte Kreditvermittlung, den Versandhandel von Medikamenten und freiheitsgefährdende Angebote wie Ortungsdienste. Es müsse debattiert werden, ob solche Angebote einer nationalen oder europaweiten Erlaubnispflicht unterliegen sollten. Bei anonymen Finanzdiensten sei ein Verbot zu erwägen.
Schrankenlose Anonymität könne es im Internet nicht geben, betonte der Minister. Bei wichtigen Rechtsgeschäften oder zur Verfolgung von Straftaten müssten Nutzer unter eng gefassten Voraussetzungen identifiziert werden können. Dazu sei auch die umstrittene Vorratsdatenspeicherung nötig.
Kein spezielles Gesetz gegen Google-Dienst "Street View"
Vorrang vor neuen Gesetzen für das Internet müssen nach Ansicht de Maizières Selbstregulierung sowie die Anwendung und Durchsetzung bestehender Regelungen haben. Auch könne das Recht nicht für jede neue Technik oder Anwendung geändert werden und müssen deshalb entwicklungsoffen gestaltet werden.
Ein Gesetz gegen den umstrittenen Google-Dienst "Street View" halte er deshalb für falsch, zumal es wohl leicht umgangen werden könnte. Überdies müsse bei gesetzlichen Regelungen für das Internet stets die internationale Dimension im Blick bleiben.
Die Internetwirtschaft begrüßte die Thesen des Ministers und forderte eine breitere öffentliche Debatte darüber. Es handle sich um die "umfassendste und breiteste Einschätzung", die von der Regierung zu diesem Thema bislang vorgelegt wurde, erklärte Präsident August-Wilhelm Scheer. Die Ausgestaltung der Überlegungen sei ein Lackmustest für die Hightech-Politik der Bundesregierung, erklärte der Verband. Der Zuspruch für die Piratenpartei habe gezeigt, dass es an Kompetenzvertrauen in die etablierten Parteien fehlt.
Text: FAZ.NET
Link: http://www.faz.net/s/RubE2C6E0BCC2F04DD787CDC274993E94C1/Doc~EE56D325A78414F93BB6B0222A90B4B84~ATpl~Ecommon~Sspezial.html
Artikel vom 10.06.2010 in ZEIT Online:
Schüler- und Studentenproteste
Warum der Bildungsstreik 2010 scheiterte
Es sollte die große Neuauflage von 2009 werden – doch bei den gestrigen Protesten blieben die Massen aus. Hat der Bildungsstreik sein Pulver verschossen?
War da was am 9. Juni? Es sollte der große Tag der Neuauflage sein, der erste Höhepunkt im Bildungsstreik 2010 nach dem mittlerweile fast schon legendärem Bildungsstreik 2009. Die Bilanz: Je nach Schätzungen gut gerechnet bis zu 70.000 Demonstranten, die in mehreren Dutzend Städten auf die Straße gingen. Was umgerechnet heißt: Vielerorts gingen bestenfalls einige hundert Schüler und Studenten auf die Straße.
Die Ironie ist nicht von der Hand zu weisen: Im Juni vergangenen Jahres war von Bildungskürzungen und Unischließungen noch keine Rede, dennoch fiel die Zahl der Streikenden mit mindestens einer guten Viertelmillion viermal so groß aus wie heute. Von den Dutzenden, oft wochenlangen Hörsaalbesetzungen im Herbst und Winter ganz zu schweigen. Damals entzündete sich der Protest der Studenten vor allem an den vermeintlichen Zumutungen der Bolognareform – in einer Heftigkeit, die manchen Bildungsexperten und Politiker überraschte angesichts von neuen Studiengängen, die – genauer betrachtet – vielerorts gar nicht so schlecht und bevormundend gemacht waren, wie plötzlich beklagt wurde. Immerhin hat die Heftigkeit dazu geführt, dass viele unnötige Detailregelungen in den Prüfungsordnungen abgeschafft und die Kinderkrankheiten der neuen Abschlüsse Bachelor und Master schneller abgestellt wurden, als es vermutlich ohne den Bildungsstreik der Fall gewesen wäre.
Ein wenig von der damaligen Heftigkeit, so würde man sich wünschen, hätten sich die Protestler freilich für dieses Jahr aufheben sollen. Zu Recht sagen die Organisatoren des Bildungsstreiks heute, eine Protestbewegung lasse sich nicht beliebig in die Länge ziehen, eine auf kurzfristige Events und Engagements ausgerichtete junge Generation will sich nun einmal nicht dauerhaft für die immer gleichen Aktionen einspannen lassen. So aber scheint es, als habe der Bildungsstreik sein Pulver zu früh verschossen – im Kampf gegen Missstände, die im Rückblick harmlos erscheinen gegenüber dem, was den Schulen und Hochschulen in den kommenden Monaten und Jahren an Kaputtsparen drohen könnte.
Hätte die miese Dramaturgie der Proteste vermieden werden können? Wohl kaum, dazu waren die Aktionen im vergangenen Jahr, vor allem die Hörsaalbesetzungen, zu spontan und im Zusammenspiel mit der überraschend starken Medienberichterstattung zu dynamisch, um von den bewusst dezentral agierenden Organisatoren gesteuert zu werden. Allein: Es bleibt die Tatsache, dass die Leitfiguren des Bildungsstreiks es versäumt haben, den Aktionen eine starke programmatische Grundlage zu geben. Es ist ihnen nie gelungen, dem kritisierten Modell von Autonomisierung und Liberalisierung des Bildungssystems eine tragfähige Alternative entgegenzustellen, die den Anforderungen an ein modernes, auch effizientes Bildungssystem im 21. Jahrhundert gerecht würde. Das kritisieren mittlerweile auch viele aktuelle und ehemalige Studentenvertreter.
Die Leitfiguren des Bildungsstreiks, das sind im Übrigen nicht nur die Schüler und Studenten, sondern vor allem auch die Riege der Professoren und Gewerkschafter, die sich im vergangenen Jahr zum Teil ungefragt zu ihren Wortführern aufgeschwungen haben. Wo sind sie jetzt? Der Politikprofessor Peter Grottian von der Berliner Freien Universität immerhin hat sich in der Jungen Welt zu Wort gemeldet. Er glaubt, dass der Bildungsstreik "eine Denkpause" brauche. Das stimmt. Allerdings schiebt er die Verantwortung für das vorläufige Scheitern des Bildungsstreiks fast ausschließlich den studentischen Organisatoren zu. Nicht wirklich fair von einem, der die Diskussion über die Ziele der Streikenden von Anfang an mit geprägt hat.
Die von Grottian zu Recht geforderte Denkpause indes sollte genutzt werden, um zu definieren, wie ein Bildungssystem der Zukunft aussehen könnte, für das sich die Mehrheit der Schüler und Studenten gewinnen ließe. Dass die im Zweifel vor allem auf ihre eigenen, subjektiven Vorteile bedacht sind, zeigt sich jetzt gerade wieder: Wenn der Bildungsstreik 2010 stark ist, dann noch am ehesten dort, wo konkrete Kürzungen drohen: in Schleswig-Holstein und in Hessen.
Vielleicht ist es auch einfach so, dass die Mehrheit der Schüler und Studenten insgesamt doch ziemlich einverstanden und zufrieden ist mit den Bedingungen, unter denen sie lernen – solange bei ihnen persönlich nicht gespart wird. Man kann und man muss das bedauern. Fest steht, dass das, was da im vergangenen Jahr größtenteils an Plattitüden aus der bildungspolitischen Mottenkiste geholt wurde, von wegen gegen den "Neoliberalismus" im allgemeinen und für "Basisdemokratie" an den Hochschulen, kaum noch einen Angehörigen der sogenannten Generation Y vom Hocker reißt. Und erst recht nicht raus auf die Straße.
Autor: Jan-Martin Wiarda
Link: http://www.zeit.de/studium/hochschule/2010-06/bildungsstreik-fazit
Artikel vom 09.06.2010 in ZEIT Online:
Deutscher Schulpreis 2010
Abschied von der Anstalt
Sieben Schulen erhielten heute von Angela Merkel den Deutschen Schulpreis. Deren mutige pädagogische Praxis könnte die Richtung vorgeben für den Bildungsgipfel am Donnerstag.
Eigenwillige Geschichten haben die mit dem Schulpreis geehrten Schulen alle. Die Schule in Templin, der Heimatstadt von Angela Merkel, zum Beispiel, war noch vor ein paar Jahren eine Sonderschule für geistig Behinderte. Dann hat sie sich auch für nicht behinderte Kinder geöffnet; sie ist beliebt und erfolgreich damit. Das Firstwald Gymnasium in Baden-Württemberg, ebenfalls in evangelischer Trägerschaft, erweiterte sich um eine Grundschule, deren Pädagogik die höhere Schule nun inspiriert und voran bringt. Eine staatliche Realschule in Bayern bringt körperliche Bewegung in den Alltag und untersucht zusammen mit Neurobiologen, wie Bewegung den Leistungen und der Freude am Lernen bekommt.
Und dann die Sophie-Scholl-Schule in Oberjoch in den Kalkalpen. "Sie hat bei unserem Peter ein Wunder vollbracht", sagte Dagmar Loesing, Peters Mutter, heute in Berlin, nachdem diese Schule aus der Hand von Angela Merkel den mit 100.000 Euro dotierten Hauptpreis erhalten hatte.
Sieben Schulen wurden von der Bundeskanzlerin mit dem deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Zum vierten Mal wurde er vergeben. Gestiftet haben ihn die Robert Bosch Stiftung und deren kleine Schwester, die Heidehof Stiftung, die von Robert Boschs Kindern ins Leben gerufen wurde. In der Jury sitzen Erziehungswissenschaftler, darunter der Deutsche Pisa Chef, reformerische Pädagogen, aber auch der Generalsekretär der Kultusministerkonferenz.
Der Deutsche Schulpreis zeigt seit 2006, welch ausgezeichnete Schulen es in diesem Land gibt. Schulen mit Eigensinn, Institutionen, die gewissermaßen eine Biografie haben. Sie begnügen sich nicht damit Lehrpläne zu erfüllen und Erlasse ausführen. 24 Schulen wurden in den vier Jahren prämiert. Allesamt haben eine einladende und zu Leistungen herausfordernde Atmosphäre geschaffen. Von Kindern, Jugendlichen und auch von Lehrern wird Lernen dort als eine Vorfreude auf sich selbst erlebt, als die Möglichkeit zur eigenen Biografie. Das gilt auch für die Institution selbst.
Damit wird Lernen in einem tieferen Sinne ermöglicht als gewohnt. Es wird nicht nur Wissen in Köpfe kopiert, die dabei gewöhnlich immer gleichgültiger werden. Die ungewöhnlichen Wege dieser Schulen sind für sie inzwischen ebenso normal, wie es für die Kinder in diesen Schulen normal wird, verschieden zu sein. An diesen Schulen wird ein tief greifender Paradigmenwechsel offenbar. Oft haben sich diese Schulen gegen die Bildungsverwaltung durchgesetzt oder in Nischen ihr Programm begonnen.
So ist die mit dem Hauptpreis bedachte Sophie-Scholl-Schule im Allgäuer Oberjoch an eine Kurklinik für herz- und lungenkanke Kinder angeschlossen, die dort in der Regel nur vier bis acht Wochen sind. Als die Schulleiterin vor zehn Jahren anfing, fand sie eine Art Nachhilfeinstitut vor. Inzwischen wurde daraus ein Gasthaus des Lernens, in dem jeweils 200 Kinder und Jugendliche ihre Freude am Lernen wiederfinden. Diese Schule zeigt, was die viel diskutierte "Individualisierung des Lernens" tatsächlich bedeutet und wie sie geht. In altersgemischten Klassen sitzen Abiturienten neben Hauptschülern, verlangsamte Lerner neben Überfliegern. Sie werden als Individuen behandelt, manchmal erstmals in ihrem Schülerleben. Sie alle steigern sich, kommen in ihre Heimatschulen gestärkt und häufig mit Wissensvorsprüngen zurück.
Ebenfalls ausgezeichnet wurde das Oberstufenkolleg in Bielfeld. Es führt schon seit den siebziger Jahren Jugendliche auf ihrem zweiten oder dritten Bildungsweg zum Abitur und zur Hochschule. Einem weiteren Preisträger, der Grundschule Süd in Landau, gelingt es Kinder aus sozialen Brennpunkten wieder neugierig zu machen. Ähnliches leistet die Schule am Park in Behrenhoff in der Nähe von Greifswald. Dort werden Kinder, die von anderen Schulen häufig schon aufgegeben worden waren oder Sonderschulkarrieren hinter sich haben zum Abschluss gebracht. Und weil manch einer argwöhnte, das könne wohl nicht mit rechten Dingen zugehen, lässt die Schule die Abschlüsse seit ein paar Jahren extern abnehmen. Kein Schüler ist in den vergangenen Jahren durchgefallen.
Was macht diese Schulen so erfolgreich? Sie achten auf die Kinder und Jugendlichen, die sie besuchen. Jedes Kind hat seine Biografie. Und die Schule lebt ihre Ziele auch im Alltag, in den tausend kleinen Dingen, auf die es ankommt. Die Lehrer verbieten sich das Jammern und erlauben sich, aus den Problemen, unter denen sie leiden, eigene Lösungen, oftmals pädagogische Erfindungen zu machen. Die Schulen lernen dazu und entfalten einen Geist, in dem Kinder lernen wollen. Angela Dombrowski, Leiterin der Sophie-Scholl-Schule in Oberjoch, nennt diesen Geist, "das Wollen leben". Selbst etwas zu wollen, das ist nicht banal. Dafür eine Atmosphäre zu schaffen, das ist die Kernidee der guten Schulen.
Die Schulpreisverleihung, der Preis wurde in der St. Elisabeth Kirche in der Invalidenstraße in Berlin von der Kanzlerin verliehen, bekam eine ungewollte symbolische Aufladung. Er wurde am Vortag des dritten Bildungsgipfels der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten und mitten in der Woche erneuter "Bildungsstreik"-Aktionen von Schülern und Studenten verliehen.
Bei der Feier mit der Bundeskanzlerin und allerlei Prominenz begeisterten vor allem die Kinder aus den sieben gekrönten Schulen mit ihrer Klarheit und Klugheit in den Interviews mit der Moderatorin Sandra Maischberger. Die Kanzlerin war dann überrascht von der Frage, was sie denn heute gelernt hätte. "Ich – heute – gelernt?" Und zu ihrer Schulzeit fiel ihr vor allem die Anstrengung ein, "außer in Russisch und Mathe." Ein Enkel von Robert Bosch wusste, dass sich sein Großvater vor allem in Schule gelangweilt hätte. Er auch. Da würden immer noch Bleigewichte an die Füße gehängt. Deshalb, so der Bosch Erbe; "Freiheit für die Schulen!"
Das Szenarium dieser Woche mit Schulpreis, Bildungsgipfel und wieder erwachenden Schülern und Studenten bieten den Prospekt einer anderen, künftigen Bildungspolitik: Der Staat setzt den Rahmen und sorgt für die nötigen Ressourcen. Dann lässt er die Schulen frei. Er begnügt sich mit Aufsicht und Beratung und feiert die guten Schulen.
Die sich emanzipierende Intelligenz der pädagogischen Praxis indessen bildet inzwischen selbst Netze. Dadurch inspirieren sich die Schulen gegenseitig, fordern sich heraus und lernen voneinander. Das alte vertikal gestrickt Netz von Aufsicht, Behörden und aufgedunsenen Ministerien geht mehr und mehr in ein horizontal gewobenes Netzwerk über. Die Politik des Netzwerke, man möchte sie Polytik nennen, weil sie die Vielfalt pflegen, ist der alten Politiker-Politik an Ergebnissen und Effizienz überlegen. Auch das macht den verdienstvollen Schulpreis zumal in diesen Tagen politischer Verwirrung und Ratlosigkeit zu einer sozialen Skulptur, an der Joseph Beuys, der Erfinder dieses Begriffs, seine Freude gehabt hätte.
Autor: Reinhard Karl
Link: http://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2010-06/schulpreis-bildungsgipfel
Artikel vom 07.06.2010 in Deutsche Welle Online:
Porträt
Genie und Wahn
Robert Schumann gilt als einer der größten Komponisten der deutschen Romantik. Seine Konzerte und Sinfonien gehören bis heute zu den meistgespielten Werken, die Liederzyklen zum Standard-Repertoire von Spitzensängern.
Robert Schumann wurde vor 200 Jahren, am 8. Juni 1810, in Zwickau geboren. Als musikalisch-literarische Doppelbegabung hinterließ er ein umfassendes Gesamtwerk, das von kleinen Klavierstücken bis hin zu großen Sinfonien reichte, verfasste Kritiken und arbeitete als Lehrer und Dirigent. Dem kreativen Schaffen stand aber eine Persönlichkeit gegenüber, die von Krankheit und Depressionen gezeichnet war.
Dichter oder Musiker?
Robert Schumann hat lange überlegt, ob er sich für die Literatur oder die Musik entscheiden sollte. Schon als Kind hat er viel geschrieben. Von seinem Vater stammte die Liebe zur Literatur, Roberts Mutter galt als sehr musikalisch. Mit sieben bekam Robert den ersten Klavierunterricht, schrieb kleine Kompositionen, aber auch Aufsätze, Gedichte und Romanfragmente. Schnell spielte er besser Klavier als sein Lehrer und setzte seine pianistische Ausbildung im Selbststudium fort.
Etwas Solides bitte!
Dann die Berufswahl: Jurist sollte er werden, so wurde entschieden. Schumann verließ seine sächsische Heimatstadt Zwickau und begann in Leipzig mit dem Studium. Aber das Leben hier hatte eine ganz andere Wirkung als beabsichtigt. Er lernte komponieren und gründete zusammen mit dem Klavierlehrer Friedrich Wieck die "Neue Zeitschrift für Musik" – die heute noch besteht. Und er lernte Wiecks Tochter Clara kennen. Das gefiel dem ehrgeizigen Vater allerdings gar nicht. Mit allen Mitteln versuchte er, diese Verbindung zu verhindern. 1840 erzwangen die beiden die Erlaubnis zur Heirat gerichtlich.
Glück und Erfolg
Vier Jahre lebte das Paar in Leipzig. Die Ehe mit Clara beflügelte Robert. Schnell entstanden Liederzyklen, Streichquartette, Klavierwerke und die ersten Sinfonien, das Klavierkonzert a-moll, das Oratorium "Das Paradies und die Peri", die Zyklen "Dichterliebe" und "Liederkreis", die "Kinderszenen" und das Album für die Jugend. Robert Schumann wurde zum Ehrendoktor der Universität Jena ernannt, der Durchbruch als Komponist war geschafft.
Erste Schatten
Das Ehepaar Schumann pflegte in Leipzig engen Kontakt mit Felix Mendelssohn-Bartholdy, der Schumann zum Lehrer an das Konservatorium in Leipzig berief. Aber die eigenen Stücke waren nicht mehr so erfolgreich – Ludwig van Beethoven, Felix Mendelssohn-Bartholdy und Frederic Chopin entsprachen dem Zeitgeschmack weit mehr. Und auch Clara spielte in ihren Konzerten seine Musik höchstens als Zugabe. Eine Demütigung, die noch dadurch verschlimmert wurde, dass man ihn auch auf Konzertreisen nur als den Gatten der europaweit berühmten Pianistin wahrnahm. Wie ein Lichtblick erschien da der Ruf, als Städtischer Musikdirektor nach Düsseldorf zukommen.
Flucht in die Arbeit
Die anfängliche Begeisterung der Schumanns für das Rheinland verflüchtigte sich schnell. Mit der Position des Musikdirektors war Schumann nicht gut beraten. Die Anzeichen der Depressionen und Wahnvorstellungen wurden jetzt immer schlimmer. Oft lag er nachts wach und klagte darüber, dass ganze Stücke in seinem Kopf tobten. Trotzdem ist in den vier Jahren in Düsseldorf gut ein Drittel seines Gesamtwerks entstanden: darunter das heute weltberühmte Cello-Konzert, das Violinkonzert, die Messe op. 147 und das "Requiem".
In dieser Zeit besuchte der junge Johannes Brahms die Schumanns in Düsseldorf. Es entstand eine enge Freundschaft. Aber Schumann selbst geriet immer mehr in einen Zustand geistiger Verwirrung. Am 27. Februar 1854 stürzte er sich in den Rhein. Er wurde gerettet, verbrachte aber die letzen beiden Jahre seines Lebens in einer Heilanstalt in Bonn.
"Ziemlich lebendig"
Jetzt, anlässlich des 200. Geburtstags, finden viele Gedenkveranstaltungen für den Komponisten statt. In seiner Geburtsstadt Zwickau erinnern eine Konzertreihe und ein Klavierwettbewerb an Robert Schumann, in Dresden und Leipzig würdigen zahlreiche Konzerte und Ausstellungen sein Schaffen. Das Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut zeigt ausgewählte Schätze aus seiner Schumann-Sammlung.
Autorin: Gudrun Stegen
Redaktion: Conny Paul
Link: http://www.dw-world.de/dw/article/0,,5634269,00.html
Artikel vom 28.04.2010 in ZEIT Online:
Pro und Contra
Soll Deutsch als Wissenschaftssprache überleben?
Deutsche Forschungseinrichtungen setzen sich dafür ein, Deutsch neben Englisch als Sprache in der Wissenschaft zu erhalten. Ist das sinnvoll?
Pro: Ja, sagt Ralph Mocikat, Vorsitzender des Arbeitskreises Deutsch als Wissenschaftssprache (Adawis)
In der Wissenschaftskommunikation wird zunehmend auch im Inland ausschließlich die englische Sprache verwendet. Das gilt insbesondere für naturwissenschaftliche und technische Disziplinen. Auf Kongressen mit ausschließlich deutschsprachigen Teilnehmern werden Vorträge fast immer nur noch auf Englisch gehalten. Hiesige Drittmittelgeber schreiben oft vor, Förderanträge lediglich in englischer Sprache einzureichen.
Immer mehr Hochschulen stellen Studiengänge komplett auf Englisch um. Dabei haben verschiedene Studien aus den Niederlanden, Schweden oder Norwegen gezeigt, dass das tiefere Verständnis deutlich eingeschränkt ist, wenn Studierende den Stoff in ihrer Disziplin nur in der Lingua franca aufnehmen.
Auch bei uns erleben wir täglich, welche Konsequenzen es mit sich bringt, wenn Seminare oder wissenschaftliche Besprechungen nicht mehr in der Muttersprache abgehalten werden: sie verflachen. In vielen Seminaren merkt man beispielsweise, wie die Diskussionsbereitschaft dramatisch schwindet, wenn die Fachsprache Englisch ist, selbst wenn alle Teilnehmer das Englische hervorragend beherrschen.
Das liegt daran, dass Sprache nicht nur eine kommunikative, sondern auch eine kognitive Funktion hat. Unsere Denkmuster, das Auffinden von Hypothesen, die Argumentationsketten bleiben – auch in den Naturwissenschaften – stets in dem Denken verwurzelt, das auf der Muttersprache beruht. Wissenschaftliche Theorien arbeiten immer mit Wörtern, Bildern, Metaphern, die der Alltagssprache entlehnt sind.
Die ganze Tragweite von Anspielungen und Bildern kann man nur in der jeweiligen Muttersprache voll erfassen und für die Forschung fruchtbar machen. Wenn die Quelle für die Fachsprachen nicht mehr die Alltagssprache ist, werden die Sprachbilder fehlen, die nötig sind, um Neues anschaulich begreiflich zu machen. Da jede Sprache einen anderen Blickwinkel auf die Wirklichkeit zulässt und individuelle Argumentationsmuster bietet, läuft es auf eine geistige Verarmung hinaus, wenn Lehre und Forschung auf das Englische eingeengt werden.
Gastwissenschaftler, die mit guten Deutschkenntnissen hierher kommen, dann jedoch von unserer Sprache und Kultur ferngehalten werden und daher nach kurzer Zeit ihre Sprachkenntnisse verlieren, kommen sich ausgegrenzt vor und tragen ein negatives Deutschlandbild in ihre Heimat zurück. Durch den ausschließlichen Gebrauch des Englischen koppelt sich die Wissenschaft auch immer weiter von der Gesellschaft ab, gegenüber der sie rechenschaftspflichtig ist. Natürlich kommen wir ohne Englisch als internationale Kongress- und Publikationssprache nicht aus. Doch unbestritten ist, dass wir im Inland auch das Deutsche als Wissenschaftssprache benutzen und pflegen müssen. Dazu wäre es beispielsweise notwendig, mehr in Übersetzungen zu investieren.
Contra: Nein, sagt Alexander Kekulé, Direktor am Institut für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle-Wittenberg
Dass die deutsche Alltagssprache von englischen Wortfetzen unterwandert wird, ist eine ästhetische Zumutung und kulturell bedenklich. Gewiss, manchmal sind englische Ausdrücke besonders "cool" und für Wörter wie "Gadget" oder "App" gibt es einfach keine perfekte Übersetzung. Offenbar meinen unsere Werber jedoch, man könnte den deutschen Konsumenten nur noch mit englischen Einsprengseln erreichen.
Mit der englischen Sprache haben die importierten Wortfetzen meist nichts zu tun. Ich nenne sie deshalb "Kontaminationen", in Anlehnung an Verunreinigungen durch Krankheitserreger.
Die Forderung, Deutsch als Wissenschaftssprache wieder zu beleben, ist jedoch die falsche Antwort auf das Problem, zumindest soweit es Naturwissenschaften und Technik betrifft. Hier ist Englisch seit Jahrzehnten die Lingua franca, und das ist auch gut so. Dass sich Forscher aus allen Erdteilen schnell, präzise und mit einheitlichen Definitionen austauschen können, hat die Wissenschaft erheblich beschleunigt. Für Wissenschaftler aus Entwicklungs- und Schwellenländern eröffnete erst die gemeinsame Sprache – zusammen mit dem Internet – die Chance, am globalen Diskurs teilzunehmen.
Zudem werden viele Arbeiten von internationalen Autorenteams verfasst, die nur Englisch als gemeinsame Sprache haben. Auch für Forschungsaufenthalte im Ausland – und für ausländische Gäste bei uns – ist die gemeinsame Arbeitssprache von unschätzbarem Wert.
Hinzu kommt, dass es viele neue Fachbegriffe nur auf Englisch gibt. Um sie einzudeutschen, müsste man zwanghaft Entsprechungen erfinden, die nicht einmal für Muttersprachler eindeutig wären. Die absurden Konsequenzen kann man in Frankreich beobachten: Dort stöhnen die Forscher, weil sie per Gesetz verpflichtet wurden, Tagungsbände auf Französisch zu übersetzen. Bei Konferenzen quellen die Mülleimer davon über.
Auch die Forderung, für den sprachlichen Binnenraum Deutsch als "zweite" Wissenschaftssprache zu etablieren, ist nicht sinnvoll. Die Adressaten naturwissenschaftlicher Originalpublikationen sind zu 90 Prozent im Ausland. Nur an Deutsche gerichtete Medien – wie populärwissenschaftliche Magazine, TV-Sendungen und Fachblätter bestimmter Berufsgruppen – können und sollen dagegen weiterhin auf Deutsch erscheinen. Wenn darin einige englische Fachausdrücke enthalten sind, ist das noch lange kein Grund, sich um den Erhalt des Deutschen Sorgen zu machen.
Der beste Schutz vor englischen Kontaminationen der Alltagssprache wäre im Gegenteil, wenn möglichst viele Deutsche sehr gut Englisch sprechen. Wer zwei Sprachen gut beherrscht, hält sie sauber auseinander und findet es ganz und gar nicht "smashing", wenn in jede gesprochene "line" massenweise englische "expressions eingemerged" sind.
Autoren: Arnd Zickgraf, Ralph Mocikat, Alexander Kekulé
Link: http://www.zeit.de/wissen/2010-04/deutsch-forschungssprache?page=2
Artikel vom 19.04.2010 in Tagesschau Online:
Jubiläum im Vatikan
Fünf Jahre Papst Benedikt XVI.
Die Wahl zum Papst überraschte Joseph Ratzinger, wie er selbst sagt. In seinem nun fünfjährigen Pontifikat sorgte Benedikt XVI. oft - und oft unfreiwillig - für hitzige Debatten. Sei es bei der Aufhebung der Exkommunizierung des Holocaust-Leugners Williamson oder mit seinen Äußerungen zum Thema AIDS.
"Nach dem großen Papst Johannes Paul II. haben die Herren Kardinäle mich gewählt, einen einfachen, demütigen Arbeiter im Weinberg des Herren", das waren die Worte Benedikts XVI. nach seiner Wahl zum Papst vor fünf Jahren.
Die historische Wahl löste Begeisterung in Deutschland aus. Der neue Papst reiste noch im Sommer nach seiner Wahl zum Weltjugendtag nach Köln: "Ich sehe es als eine liebevolle Geste der Vorsehung an, dass mein erster Besuch außerhalb Italiens in meinem Vaterland stattfindet."
Reise nach Auschwitz
Doch Benedikt, vormals Joseph Ratzinger, länger als 20 Jahre Glaubenspräfekt, ließ sich in den Dienst der Kirche nehmen. Schwierige Aufgaben standen an: In Polen, wo sein Vorgänger als Held der Nation gilt, musste er als Angehöriger der Kriegsgeneration Auschwitz besuchen.
"Gerade an diesem Ort, der in der ganzen Welt auf so traurige Weise bekannt ist, wollte ich verweilen vor meiner Rückkehr nach Rom", sagte er dort. "Im Lager Auschwitz-Birkenau, wie in anderen solchen Lagern, ließ Hitler mehr als sechs Millionen Juden ermorden."
Schwere Belastung durch Williamson-Affäre
Zu einer der großen Krisen dieses Pontifikats geriet die Entscheidung, die Exkommunizierung gegen einen Mann aufzuheben, der wegen der Leugnung des Holocausts inzwischen in Deutschland zu einer Geldstrafe von 10.000 Euro verurteilt wurde. Auf dem Höhepunkt dieser Krise forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel öffentlich eine Klarstellung vom Papst. Das Verhältnis zum Judentum und die Israelreise Benedikts XVI. wurden durch die Williamson-Affäre schwer belastet.
In seiner Weihnachtsansprache 2009 sagte der Papst im Rückblick auf seine Israelreise: „Der Besuch in Jad Vaschem bedeutete eine erschütternde Begegnung mit der Grausamkeit menschlicher Schuld, mit dem Hass einer verblendeten Ideologie, die ohne jede Rechtfertigung Millionen Menschen den Tod brachte, und die im Grunde auch Gott aus dieser Welt tilgen wollte."
Aufruhr vor Türkei-Reise
Dem ersten Besuch in einem islamischen Land, der Türkei, war Aufruhr vorangegangen. Dieser hatte sich an einem Zitat entzündet. Benedikt XVI. hatte es in einer Rede an der Universität Regensburg verwendet, aus einer mittelalterlichen Streitschrift: "Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat. Und da wirst du, so sagt er, nur Schlechtes und Inhumanes finden, wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten."
Ähnlich missverständlich: Benedikts Äußerung auf dem Flug nach Kamerun und Angola, wonach Kondome das AIDS-Problem nicht lösten, sondern eher verschärften.
Treffen mit Missbrauchsopfern 2008
In den USA und in Sydney beim Weltjugendtag traf der Papst Opfer von Missbrauch durch Priester. Die klaren Aussagen, die er hier und zuletzt in seinem Hirtenbrief an Irlands Bischöfe traf, genügen in der aktuellen Missbrauchsdebatte aber den wenigsten.
Der jetzt 83-jährige Joseph Ratzinger trägt ein schweres Amt. Viele Beobachter zweifeln an den Beratern des Papstes. Nach fünf Jahren des Pontifikats scheint Benedikt XVI. vielen Katholiken wieder so fern zu sein wie er es in seinen langen Jahren als Glaubenspräfekt war.
Autor: Gregor Hoppe, ARD-Hörfunkstudio Rom
Link: http://www.tagesschau.de/ausland/papstjubilaeum102.html
Artikel vom 15.04.2010 in Deutsche Welle Online:
Berlin
Schule mit Deutschgarantie
Wie kann eine Berliner Grundschule mit hohem Migrantenanteil Schüler aus deutschen Familien gewinnen? Sie schafft eine Klasse mit Deutsch-Garantie – vor der Einschulung werden die Sprachkenntnisse getestet.
An die Berliner Mauer erinnern in der Bernauer Straße nur noch einige seltsam anmutende Baulücken, scheinbar abgeschnittene Wohnhäuser und die Gedenkstätte Bernauer Straße. Doch die Trennung zwischen Ost und West verläuft auch heute noch an dieser Straße, wenn auch viel subtiler und in die umgekehrte Richtung. Der einst verarmte Ostteil der Stadt mit ehemals feuchten Wohnungen und Ofenheizungen heißt heute Berlin-Mitte. Hier sprießen Townhouses empor, hier entfaltet sich eine lebendige Kunst- und Galerienszene, hier können sich sogenannte Bio-Deutsche schick renovierte Altbauwohnungen leisten.
Die soziale Trennungslinie
Die andere Welt ist nur eine Straßenkreuzung weiter, nördlich der Bernauer Straße. Die einst modernen Wohnhäuser mit Zentralheizung wirken heute grau und trostlos. Rund 50 Prozent der Anwohner beziehen Hartz IV, in den Erdgeschossläden sitzen nicht Designer an ihrem MacBooks, sondern arbeitslose Väter in ihren Teestuben.
Aus Bildungsbürger-Sicht liegt die Gustav-Falke-Grundschule in Berlin-Wedding daher auf der falschen Seite. Das könnte ihnen egal sein, doch gehört die Schule neuerdings auch zum Einzugsgebiet ihrer schulpflichtigen Kinder aus Berlin-Mitte. Derzeit stammen 90 Prozent der Schulkinder hier aus einer Familie mit Migrationshintergrund.
Wie bespielsweise die Kinder von Selahattin Tosunoglu. Vor 40 Jahren kam er als Gastarbeiter nach Deutschland. "Früher gab es diese Probleme nicht. Die Klassen waren kleiner und es gab nicht so viele Migrantenkinder", sagt Tosunoglu, der schon seit zehn Jahren Elternvertreter an der Gustav-Falke-Schule ist. "Was sollen die Lehrerinnen und Lehrer machen, wenn sie eine Klasse mit über 80 Prozent Kindern mit Migrationshintergrund haben?"
Vor der Einschulung zum Sprachtest
Mit dem fehlenden Sprachniveau, so die Befürchtung, sinke auch das Niveau der Schulbildung. Das soll sich vom kommenden Schuljahr an mit einem Modellversuch ändern: eine Klasse der Einzuschulenden soll eine Klasse mit sogenannter "Deutschgarantie" sein. Das heißt: Die Kinder müssen mit der Schulanmeldung einen Deutschtest bestehen. Elternvertreter Tosunoglu findet diese Idee gut: "Wir leben in Deutschland und unsere Sprache soll in erster Linie deutsch sein."
Als Elternvertreter weiß er auch, dass er mit dieser Meinung nicht allein ist. "Fast allen Eltern ist daran gelegen, dass ihre Kinder eine gute Schulbildung bekommen und richtig deutsch lernen. Nur so haben sie später eine Chance, eine gute Arbeitsstelle zu finden."
Eine sozial und kulturell durchmischte Schule
Erst einmal soll es nur eine Klasse geben, für die der Sprachtest gilt. Sicherlich läuft die Schule damit Gefahr, eine Art Elite-Klasse zu bilden, denn all diejenigen, die den Test nicht bestehen, werden sich dann in den übrigen Klassen sammeln. Doch letztlich ist dieser Vorstoß auch ein Versuch, die Gustav-Falke-Grundschule zu retten.
Denn während die Grundschulen südlich der Bernauer Straße überfüllt sind, brechen der Gustav-Falke-Grundschule die Schülerzahlen weg: von ehemals 600 auf heute knapp 350. Die Grundschule braucht daher dringend die Schüler aus Berlin-Mitte. Aufgrund der neueingerichteten "Schule mit Deutschgarantie" konnte für das kommende Schuljahr zumindst schon knapp ein Dutzend Kinder aus ausschließlich deutschsprachigen Familien südlich der Bernauer Straße gewonnen werden.
Autorin: Nadine Wojcik
Redaktion: Susanne Eickenfonder
Quelle: http://www.dw-world.de/dw/article/0,,5471073,00.html
Artikel vom 12.04.2010 in ZEIT Online:
Spanien
Solidarität für Baltasar Garzón
Arrogant, stur, unbestechlich – der spanische "Superrichter" und Kämpfer für Menschenrechte hat viele Feinde in aller Welt. Sie wollen ihn jetzt zum Schweigen bringen.
Am neuen Anfang, nach dem Tod des Diktators, stand in Spanien das Schweigen. Die Erinnerung an die Verbrechen der Bürgerkriegsgegner, an den mörderischen Nachkriegsterror der faschistischen Sieger und an die 35 Jahre währende Franco-Herrschaft wurde nach dem Tod des Despoten weggeschlossen. "Pakt des Schweigens" haben Historiker diesen Versuch genannt. Der Verzicht auf Aufarbeitung und auf Abrechnung sollte den Übergang zur Demokratie erleichtern.
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Eine Weile hat es funktioniert. Aber die Zeit des Schweigens und Stillhaltens ist jetzt vorbei. Und das Getöse ist groß.
Im Zentrum der Erregung steht das bizarr anmutende Verfahren gegen den medienwirksamen "Superrichter" Baltasar Garzón, der sich als Untersuchungsrichter am Obersten Gerichtshof, der Audiencia Nacional, angeschickt hatte, die Fälle der in den dreißiger und vierziger Jahren ermordeten und verschwundenen Republikaner aufzurollen. Sein Ziel: Das Schicksal der Opfer aufzuklären, die Täter zu nennen und, soweit noch am Leben, zu finden und zu bestrafen.
Lobenswert, vorbildlich, höchste Zeit, möchte man meinen.
Doch für diejenigen, die sich durch die Öffnung der Massengräber betroffen, beleidigt oder gar bedroht fühlten, ist es polarisierend, anmaßend und vor allem eins: rechtswidrig. Baltasar Garzón beuge das Recht, denn das Amnestiegesetz von 1977 habe doch genau auf dieses Wunden aufreißende Nachforschen verzichtet. Sein Vorgehen sei ein Skandal. Ein Fall von "Amtsanmaßung". Der Mann muss weg!
Baltasar Garzón freilich beruft sich auf eine spätere Nachbesserung des Amnestiegesetzes und auf die internationale Rechtsauffassung nach dem Modell des Internationalen Strafgerichtshof. Danach sind "Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit" von Verjährung ausgenommen. Mörder, Folterer und die Schreibtischtäter sollen sich nie sicher fühlen. Das entspricht ganz dem Denken des Richters Garzón.
Autor: Werner A. Perger
Link: http://www.zeit.de/politik/ausland/2010-04/spanien-richter-garzon-prozess?page=1
Artikel vom 13.04.2010 in FAZ Online:
Vatikan contra Völkerrecht
Der Papst auf der Anklagebank
13. April 2010 Das vatikanische Presseamt teilte am Freitag mit, dass Papst Benedikt XVI. sich einen Fernsehfilm mit dem Titel „Under the Roman Sky“ habe vorführen lassen. Der zweiteilige Film beruht laut seiner italienischen Produktionsfirma auf den Akten des Seligsprechungsverfahrens von Pius XII. und erzählt die Geschichte eines von Hitler angeordneten Versuchs, den Papst in deutschen Gewahrsam zu bringen. Im vergangenen Jahr hatte der Jesuit Peter Gumpel, der Anwalt des Pacelli-Papstes im Kanonisierungsprozess, von Dokumenten des Vatikanarchivs berichtet, nach denen Pius XII. tatsächlich mit einer Entführung gerechnet habe. Er habe für diesen Fall vorsorglich seinen automatisch eintretenden Rücktritt erklärt und zu seinen Vertrauten gesagt: „Wenn sie mich verhaften wollen, müssen sie mich gewaltsam aus dem Vatikan herausschaffen.“
Während Benedikt XVI. sich in Castel Gandolfo den dreieinhalb Stunden langen Film mit James Cromwell, dem Prinz Philipp aus „The Queen“, in der Hauptrolle ansah, wurde in London der juristische Versuch vorbereitet, den Nachfolger von Pius XII. während seines Besuches in Großbritannien im September festnehmen zu lassen. Am Sonntag teilten der Biologe Richard Dawkins und der Journalist Christopher Hitchens in der „Sunday Times“ mit, sie hätten den Rechtsanwalt Geoffrey Robertson mit der Ausarbeitung einer entsprechenden Eingabe an die englischen Strafverfolgungsbehörden beauftragt. Robertson hatte am Karfreitag im „Guardian“ einen Artikel mit der Überschrift „Setzt den Papst auf die Anklagebank!“ veröffentlicht.
Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit
Es scheint nahezuliegen, die Drohung von Dawkins und Hitchens als die neueste Scharade jener atheistischen Propaganda abzutun, die ihren Gegner auch mit karnevalistischen Knalleffekten verächtlich machen will. Aber die Beteiligung von Robertson, der Dawkins und Hitchens vielleicht erst auf ihre Idee gebracht hat, nötigt dazu, die Sache ernstzunehmen. Geoffrey Robertson, 1946 in Australien geboren, seit 1988 Queen's Counsel, ist einer der bekanntesten Menschenrechtsanwälte der Welt. Zu seinen Mandanten gehört Salman Rushdie. Der Gründer der Kanzlei Doughty Street wurde berühmt als Verteidiger der Pressefreiheit und nutzt die Presse virtuos. Sein Buch „Crimes Against Humanity“ erschien 1999 bei Penguin. Als Berufungsrichter im Sondergerichtshof der Vereinten Nationen für Sierra Leone verfasste er ein Urteil zur Ungültigkeit von Amnestien bei Kriegsverbrechen.
Robertson sieht in der Duldung und Förderung des Kindesmissbrauchs ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit gemäß dem heute geltenden Völkerrecht. Es könne nach dem Prinzip der universalen Jurisdiktion, der Zuständigkeit jedes Gerichts für schlimmste Verbrechen, auch von der britischen Justiz verfolgt werden. Der Präzedenzfall ist die vom Oberhaus gebilligte Verhaftung des früheren chilenischen Diktators Pinochet 1998.
Autor: Patrick Bahners
Link: http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~EBFACE294048441E992ED5F42B8C8DE7E~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Artikel vom 06.04.2010 in Süddeutsche Zeitung Online:
Numerus clausus für Medizin
Röslers Rechenfehler
Um den Ärztemangel zu bekämpfen, möchte Gesundheitsminister Rösler den Numerus clausus für Medizin abschaffen. Doch das wird wenig bringen.
Wer in Deutschland Arzt werden will, muss entweder ein sehr gutes Abitur haben oder sehr viel Geduld und Geld. Nur glatten Einser-Schülern ist ein Studienplatz in Medizin sicher. Wer "nur" gute Noten hat, muss jahrelang auf einen Studienplatz warten, ins Ausland ausweichen oder teure Rechtsanwälte bezahlen und hoffen, dass sie es schaffen, einen Studienplatz einzuklagen. Optimal ist dieses System nicht. Es frustriert motivierte Abiturienten, von denen bestimmt viele gute Ärzte werden würden, wenn man sie nur ließe. So gesehen hat Gesundheitsminister Rösler recht, wenn er den Numerus clausus in Frage stellt.
Doch so einfach, wie Rösler suggeriert, lässt sich das System nicht ändern. Die harten Zulassungshürden im Fach Medizin gibt es ja vor allem deshalb, weil die Zahl der Bewerber um ein Vielfaches höher ist als die Zahl der Studienplätze. Wenn mehr Ärzte ausgebildet werden sollen, müssten die Bundesländer die Zahl der Studienplätze an den Universitäten erhöhen. Dadurch könnte dann der Numerus clausus leicht sinken. Will man allerdings erreichen, dass tatsächlich auch Abiturienten mit einer Zwei oder einer Drei vor dem Komma noch problemlos Medizin studieren können, wären so viele zusätzliche Studienplätze notwendig, dass schon bald von einer "Ärzteschwemme" und nicht von einem Ärztemangel die Rede wäre.
Schon jetzt lässt sich darüber streiten, ob es wirklich zu wenige Medizinstudenten in Deutschland gibt. Der Ärztemangel auf dem Lande hat seinen Grund vor allem darin, dass nur wenige bereit sind, in entlegenen Dörfern eine Praxis zu eröffnen. Durch eine Reform des Hochschulzugangs lässt sich das kaum ändern. Dazu kommt, dass viele Medizinstudenten am Ende ins Ausland abwandern oder sich gegen den Arztberuf entscheiden und lieber einen Job in einem Unternehmen annehmen. Das hängt mit den teilweise schwierigen Arbeitsbedingungen der Ärzte zusammen. Auch dieses Problem kann eine Reform des Studienzugangs nicht lösen.
Und schließlich: Schon jetzt ist die Abiturnote keineswegs mehr das einzige Kriterium, nach dem die Universitäten ihre Studenten auswählen. Für 60 Prozent ihrer Medizin-Studienplätze können die Hochschulen eigene Kriterien aufstellen. Das Abitur spielt dabei weiterhin eine große Rolle. Oft werden jedoch die Noten in bestimmten Fächern (vor allem in den Naturwissenschaften) besonders gewichtet, und vielerorts wird auch wieder der sogenannte Mediziner-Test als zusätzliches Kriterium verlangt. Berufserfahrung, etwa in der Pflege, kann ebenfalls gewürdigt werden, und an etlichen Universitäten gibt es bereits persönliche Auswahlgespräche, in denen die Professoren etwas über die Motive und die Motivation der Bewerber erfahren. Weil die Zahl der Kandidaten aber so groß ist, konkurrieren hier zumeist wieder nur die besten Abiturienten miteinander.
Bei begrenzten Kapazitäten sind die Universitäten verpflichtet, nachvollziehbare Kriterien zur Auswahl ihrer Studenten anzulegen. Sind die Kriterien zu weich, schreiten die Gerichte ein. Das bloße Gefühl, ein Kandidat könne das Medizinstudium schaffen, obwohl er in Fächern wie Physik und Biologie mangelhafte Zensuren mitbringt, reicht nicht. Bestimmt ist es so, dass manch abgelehnter Bewerber am Ende ein besserer Chirurg geworden wäre, als einer der Einser-Abiturienten, der Medizin vor allem deshalb wählte, weil er es sich mit seinen Noten eben leisten kann. Aber wer kann das im Einzelfall vorhersehen?
Diesen Unwägbarkeiten zum Trotz ist Röslers Vorstoß nicht wertlos. Er erhöht den Druck auf die Bundesländer, die nun prüfen müssen, ob die Zahl der Medizin-Studienplätze ausreicht. In den kommenden Jahren verlassen wegen der verkürzten Gymnasialzeit in mehreren Ländern zwei Jahrgänge gleichzeitig die Schulen. Der Andrang auf Medizin-Studienplätze wird dann noch größer sein als sonst.
Autor: Tanjev Schultz
Link: http://www.sueddeutsche.de/jobkarriere/597/507750/text/
Artikel vom 30.03.2010 in Süddeutsche Zeitung Online:
Todesstrafen im Jahr 2009
Amnesty: China tötet heimlich
2008 hat Amnesty International mindestens 1718 Hinrichtungen in China dokumentiert. In der aktuellen Statistik fehlt die Volksrepublik - aber nicht, weil Peking auf Todesstrafen verzichtet hat.
Amnesty International (ai) wirft der chinesischen Regierung vor, jedes Jahr Tausende Hinrichtungen zu verheimlichen. Die Menschenrechtsorganisation forderte China auf, Todesurteile und Hinrichtungen nicht länger als "Staatsgeheimnis" zu behandeln.
Aus Protest gegen die Informationspolitik Pekings verzichtet die Hilfsorganisation erstmals in seiner Geschichte in der Todesstrafen-Statistik für das Jahr 2009 auf die Erhebung weltweiter Zahlen - und weigert sich, China aufzulisten. Im Jahr davor hatte ai für die Volksrepublik mindestens 1718 Hinrichtungen dokumentiert, was mehr als 70 Prozent der weltweit vollstreckten Todesurteile bedeutete. Der Menschenrechtsorganisation zufolge lag die Dunkelziffer aber vermutlich "um ein Vielfaches höher".
"Die chinesische Regierung behauptet, dass immer weniger Hinrichtungen stattfinden. Wenn das stimmt, warum verheimlichen die Behörden, wie viele Menschen zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden?", sagte der zuständige ai-Experte Oliver Hendrich. "Warum hütet Peking die Zahlen wie ein Staatsgeheimnis?"
Weltweit mehr als 700 Hinrichtungen
Die öffentlich zugänglichen Zahlen erfassten nicht das wahre Ausmaß der Todesstrafe in China. Amnesty geht davon aus, dass 2009 in China tausende Menschen heimlich zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden. Die Schätzungen anderer Menschenrechtler reichen für China bis zu 10.000 Hinrichtungen pro Jahr. "China hat mehr Menschen hingerichtet als alle anderen Staaten der Welt zusammen", erklärte Amnesty.
In ihrem jüngsten Bericht zur Todesstrafe listet die Hilfsorganisation für 2009 insgesamt 714 Todesurteile in 18 Ländern auf - die Zahlen für China sind darin nicht enthalten. Die meisten vollstreckten Urteile wurden demnach mit mindestens 388 in Iran registriert, gefolgt vom Irak mit mindestens 120 Hinrichtungen. In Saudi-Arabien starben 69 Menschen nach einem Todesurteil und in den USA waren es 52.
Todesstrafe für Minderjährige in Iran und Saudi-Arabien
Iran und Saudi-Arabien seien die einzigen Länder, die sogar Minderjährige hinrichteten, heißt es in dem ai-Bericht. Ferner ist darin dokumentiert, dass Staaten wie China, Iran und Sudan die Todesstrafe oft zu politischen Zwecken einsetzten, etwa um Oppositionelle zum Schweigen zu bringen.
Besonders häufig seien Todesurteile nach den Erkenntnissen von Amnesty nach grob unfairen Verfahren verhängt worden. So waren überdurchschnittlich häufig Arme sowie Angehörige ethnischer, nationaler oder religiöser Minderheiten betroffen.
Nichtsdestotrotz dauert der Trend zur Abschaffung der Todesstrafe den Angaben zufolge an: 139 Staaten haben die Todesstrafe im Gesetz oder in der Praxis abgeschafft - zuletzt Burundi und Togo für alle Verbrechen. "Weniger Länder als je zuvor vollstrecken die Todesstrafe", erklärte ai-Experte Hendrich. Die Welt schaffe diese "Schande der Menschheit" zunehmend ab.
Quelle: dpa
Link: http://www.sueddeutsche.de/,tt5m1/politik/191/507351/text/
Artikel vom 18.03.2010 aus dem Hamburger Abendblatt Online:
Stellenstreichungen bei Siemens
Siemens baut weltweit 4200 Arbeitsplätze ab
In Deutschland stehen allein 2000 Jobs auf der Kippe. Für 2012 sind Investitionen in Höhe von rund 500 Millionen Euro geplant.
München. Bis Ende kommenden Jahres will der deutsche Elektrokonzern Siemens bei der Neuordnung seiner IT-Sparte weltweit 4200 Stellen streichen - in Deutschland allein 2000. Das teilte das Unternehmen am Donnerstag in München mit. Die IT-Sparte SIS solle in diesem Sommer wieder ausgegliedert und rechtlich verselbständigt werden. Die Sparte war unter dem früheren Siemens-Chef Klaus Kleinfeld in das Gesamtunternehmen eingegliedert worden.
Bis zum Jahr 2012 plane Siemens zudem Investitionen von mehr als 500 Millionen Euro, erklärte das Unternehmen weiter. Damit solle das das Geschäft von SIS ausgebaut und wettbewerbsfähig gemacht werden. Die bisher sieben Geschäftseinheiten der Sparte sollten im Zuge des Umbaus in zwei Säulen zusammengefasst werden - nämlich in das IT-Outsourcing- und das Lösungsgeschäft. „Wir wollen SIS auf ein langfristig solides Fundament stellen“, erklärte der Interimschef der Sparte, Christian Oecking, der Mitteilung zufolge.
Beschäftigte der Sparte befürchteten seit Monaten harte Einschnitte und hatten dagegen immer wieder protestiert. Derzeit hat SIS weltweit rund 35.000 Beschäftigte. Davon arbeiten rund 9700 in Deutschland.
Die Ankündigung kommt nicht ganz überraschend. Bereits im Januar hatte das Unternehmen erklärt, dass es mit einem deutlichen Rückgang bei Neuaufträgen und Umsatz rechne. Konzernchef Peter Löscher sagte seinerzeit bereits, dass Stellen abgebaut werden müssten, um auf die Krise zu reagieren. Allerdings sucht das Management dabei die Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat. „Wo immer sich Brücken zur Überwindung von Nachfrage-Tälern bauen lassen, gehen wir diesen Weg“, sagte Löscher.
Dank eines bereits laufenden Sparprogramms hatte der Konzern den operativen Gewinn im ersten Finanzquartal steigern können. Das Ergebnis der drei Sektoren Industrie, Energie und Gesundheit stieg im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um elf Prozent auf 2,255 Milliarden Euro, wie Siemens in München im Januar mitteilte. Zur Überraschung von Analysten blieb im Quartal von Oktober bis Dezember unterm Strich ein Gewinn von 1,531 Milliarden Euro und damit fast ein Viertel mehr als im Vorjahresquartal. Für „spezifische Geschäfte und einzelne Standorte“ seien aber trotz Kurzarbeit „Anpassungsmaßnahmen unumgänglich“, so Löscher.
Für das Gesamtjahr wagte Siemens einen verhaltenen Ausblick. Man rechne mit weniger Umsatz und operativem Gewinn als 2009. „Die Krise ist noch nicht vorbei. Auch wenn wir mit unserem ersten Quartal zufrieden sein können, wir bleiben vorsichtig“, sagte Löscher. „Zum Halbjahr, also auf halber Wegstrecke, werden wir unsere Prognose überprüfen“, kündigte er aber zugleich an. Denn im ersten Quartal hat Siemens schon fast ein Drittel des für 2010 angepeilten operativen Gewinns von bis zu 6,5 Milliarden Euro eingefahren.
Im Januar war zudem bekannt geowrden, dass Siemens beste Chancen auf den größten Zug-Auftrag in der Geschichte der Deutschen Bahn hat. Siemens sei der bevorzugte Bieter für die Lieferung von 300 Fernzügen, erklärte Bahn-Chef Rüdiger Grube seinerzeit in Berlin. Mit dem Konzern werde man nun exklusive Verhandlungen etwa über die technische Ausstattung der sogenannten ICx-Züge aufnehmen. Grube hatte zuletzt von einem Auftragswert von sechs Milliarden Euro gesprochen. Bis zum Sommer sollten die Züge, die die bisherigen IC/EC sowie die ICE 1 und ICE 2 ersetzen sollen, endgültig bestellt werden. Zum Einsatz kommen sie nach bisherigen Bahn-Planungen ab 2015.
Link: http://www.abendblatt.de/wirtschaft/article1425841/Siemens-baut-weltweit-4200-Arbeitsplaetze-ab.html
Artikel vom 18.03.2010 in Focus Online:
Preis der Leipziger Buchmesse
Kindheit schlägt Pubertät
Der Preis der Leipziger Buchmesse geht an Georg Klein für „Roman unserer Kindheit“. Klein warf damit Helene Hegemann, der Plagiat vorgeworfen wird, aus dem Rennen.
Der Autor erhielt die Auszeichnung am Donnerstag auf der Buchmesse in der Kategorie Belletristik für sein Werk „Roman unserer Kindheit“. Klein sei ein „surrealistisch überbordender virtuoser Kinderschauerroman für Erwachsene“ gelungen, erklärte die Jury.
Der Preis für das beste Sachbuch ging an Ulrich Raulff für seine umfangreiche Abhandlung über den Dichter Stefan George. Als bester Übersetzer wurde Ulrich Blumenbach geehrt, der David Foster Wallace´ Roman „Unendlicher Spaß“ aus dem Amerikanischen übersetzt hatte.
Nominiert trotz Vorwürfen
Für den Preis waren auch Jan Faktor, Lutz Seiler, Anne Weber und die mit Plagiatsvorwürfen konfrontierte Nachwuchs-Autorin Helene Hegemann nominiert worden. Sie hatte sich für ihren Debüt-Roman „Axolotl Roadkill“ in zahlreichen Internet-Blogs bedient und die Quellen zunächst nur zum Teil kenntlich gemacht.
Der Preis der Leipziger Buchmesse wird seit 2005 vergeben und ist mit insgesamt 45 000 Euro dotiert. Die Verlage hatten in diesem Jahr 760 Bücher für die Nominierung eingereicht.
Quelle: jub/dpa/ddp
Link: http://www.focus.de/kultur/buecher/preis-der-leipziger-buchmesse-kindheit-schlaegt-pubertaet_aid_490960.html
Artikel vom 17.03.2010 in Spiegel onl